INTERVIEW MIT PIOTR SMOLENSKI

 
"Leben in HD ist schärfer!"
 
Wahrscheinlich fast täglich und immer mehr werden in unserer Zeit und Gesellschaft Videos konsumiert. Und dies mit einer Selbstverständlichkeit die vermuten lässt, dass wir uns nur selten darüber machen Gedanken wer eigentlich hinter dieser Arbeit steckt. Piotr Smolenski ist einer dieser Menschen. Der junge Pole kann bereits auf eine beachtliche und vielfältige Arbeit als Regisseur und Kameramann zurückblicken. Seine Videoclips sind weit über die polnische Landesgrenze aus bekannt, und Bands wie Taraf de Haiduks, Mahala Rai Banda oder das Bester Quartett haben bereits auf sein Können zurückgegriffen. Gypsy Music Network führte ein ausführliches und sehr persönliches Gespräch mit dem Mann hinter der Kamera.
 
 
piotr smolenski 1
 
 
Hallo Piotr. Bitte stell dich doch kurz vor. Wer ist Piotr Smolenski?
 
In wenigen Worten: "Leben in HD ist schärfer!"... Ich denke horizontal und nicht vertikal... Ich bin Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann, mit dem Akkordeon auf meinem Rücken.
 
Wie bist du zum Film gekommen und wann hast du damit angefangen?
 
Alles hat angefangen als ich auf der Sekundarschule war. Meine Eltern schenkten mir damals einen Super-VHS-Camcorder zum Geburtstag. Soweit ich mich erinnere, hatte die Schule zu dieser Zeit viele Probleme mit mir, und ich auch mit ihr. Kunst und Musik war das einzige wofür ich mich begeistern konnte, und so schien ein Camcorder die beste Wahl zu sein für ein Geschenk. Ab dann filmte ich einfach alles um mich herum. Glücklicherweise hatten Freunde von mir zu dieser Zeit schon Erfahrungen in Independent-Filmkunst gesammelt und mich zur Zusammenarbeit eingeladen. Ich war schon eine Weile als Independent-Cinema Kameramann tätig, als 2004 der Film „The Painter“ mit dem Hauptpreis am "Dekadencja-Festival" ausgezeichnet wurde. Die nächsten Jahre waren die schöne Zeit der „Growing Years“ und meine Liebe zum Film wuchs von Tag zu Tag. Wir waren eine Gruppe von Freunden und hatten viel rumexperimentiert. Dadurch erlangten wir in unserer Stadt eine gewisse Bekanntheit und wurden daraufhin an viele Independent-Film-Veranstaltungen in ganz Polen eingeladen. An dieser Stelle nochmals einen großen Dank und Gruss an unseren Freund Marek Nowak, der uns bei vielen Projekten unterstützte.
 
Das Ende dieser Zeit kam mit dem Ende des Colleges. Jeder ging danach seine eigenen Wege. Ich zum Beispiel machte mein Studium in Lodz. Zu Beginn arbeitete ich vor allem an kommerziellen Projekten, wie zum Beispiel an den Videos zum Hit "Bezele Kochana" von Tede, oder "Twoje Czary" von Rezerwat mit Misiek Koterski. In dieser Zeit arbeitete ich für die Produktionsfirma „filmbrothers.eu“ und konnte wertvolle Erfahrungen für meine spätere Tätigkeit sammeln. Zusammen mit Damian Bieniek realisierten wir Werbespots, Videoclips und dergleichen. Dadurch hatten wir die Möglichkeit mit Leuten wie Jan Nowicki, Leon Niemczyk und anderen bekannten polnische Schauspielern zusammenzuarbeiten und konnten Dance-Music ins polnische Fernsehen bringen. Viele Independent-Filmer hatten uns für unsere "kommerzielle" Ausrichtung zuerst belächelt, aber nach einer Weile machten sie es uns nach und wurden sozusagen "Stille Konkurrenten". Es war die Zeit als die Musikvideos eine kleine Wiederauferstehung erlebten und viele TV-Stationen sich entschieden Musikclips zu fördern. In der Zwischenzeit gibt es viele Produktionsfirmen welche Musikvideos produzieren, und meiner Meinung nach haben wir das ins Rollen gebracht. Für mich und Damian war es die Zeit der großen Freundschaft, der persönlichen Entwicklung und der harten Arbeit mit den Tausenden von Stunden im Auto, hinter der Kamera, in den Schneideräume und so weiter. Nach ein paar Jahren haben wir beschlossen geschäftlich getrennte Wege zu gehen. Die Freundschaft ist jedoch geblieben. Beide sind weiterhin in der Filmbranche tätig und machen ihr Ding, und wir erinnern uns gerne an unsere gemeinsame Zeit und Geschichte.
 
Du hast einige Videoclips für Roma Bands wie zum Beispiel Taraf de Haiduks oder Mahala Rai Banda gemacht. Was ist dein persönlicher Bezug zu Roma-Musik?
 
Ich persönlich bezeichne mich ja als "Gypsy by Choice"! Damals an der Uni habe ich die wunderbaren Roma Musiker Wit Michaj und Lacy Wisniewski kennengelernt. Mit viel Sensibilität und Professionalität haben sie mich in die Welt der Roma Musik eingeführt. Daraus entstand der Dokumentarfilm "Zwei Gitarren - über Roma Romantik" welchen wir gemeinsam realisiert haben. Im folgenden Jahr hatte ich dann die Gelegenheit den Meister dieses Genre, Herrn Edward Dębicki und seiner charismatischen Sohn Manuel Dębicki und ihre Band "Terno" kennenzulernen. Ihre Mission ist es authentische Romamusik und Romakultur einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Sie führten mich in die faszinierende Welt der Roma ein, wo es weder Sonnenaufgänge noch Untergänge gibt und in der die Sonne den Menschen ihre Gesichter erhellt und ihnen den Weg zeigt... Danke an meine "Musik Familie" Dębiccy. Von ihnen habe ich viel über Roma-Tradition und ihre Lebensweise gelernt... und um ehrlich zu sein, ich mag es! (lacht)
 
Wo liegen die Unterschiede wenn du ein Videoclip für einen Pop/Dance/Hip Hop Künstler machst, zu einem Video mit einem Ethno/Balkan/Roma Künstler?
 
Da gibt es keinerlei Unterschiede. 100% Engagement ist für mich essentiell, egal mit welcher Art von Musik und an welchem Projekt ich gerade arbeite... Aber natürlich, Ethno / Balkan / Roma-Musik und Tango ist meinem Herzen näher... Pop- und Dance-Musik ist die Welt des Kommerz und des Styles, und in dieser ist es notwendig gewisse Schemata und Klischees zu erfüllen, und in der visuellen Umsetzung ist man relativ eingeschränkt. Darum ist diese Arbeit für mich weniger interessant. Auch mit Hip-Hop Künstlern verhält es sich ähnlich: Die Musik ist sehr emotional und viele Künstler dieses Genre haben zum Beispiel große Mühe Schwäche zu zeigen und sich für echte Kunst zu öffnen. Trotzdem habe ich es geschafft, sehr ehrliche und persönliche Bilder mit ihnen umsetzen zu können.
 
In vielen deiner Musikvideos benützt du wiederkehrende Themen: Den Wald, das Feld, das Akkordeon, Menschen die du wie ein Stillleben anordnest etc. Was hat es mit diesen Motiven auf sich?
 
Die Natur, Bäume, sonnige Getreidefelder, das sind die Orte welche ich am meisten liebe. In einer solchen Umgebung auf meinem Lieblingsinstrument, dem Akkordeon zu spielen, ermöglicht es mir mich selbst zu erkunden und zu entdecken. Ich mag es in meinen Bildern mich selbst, meine Emotionen und meine Gefühlswelt zu zeigen... mit den Mitteln der Bildsprache versuche ich die Zuschauer zu berühren und ihre Vorstellungskraft zu stimulieren.
 
Wie findest du deine Motive?
 
Du meinst meine Inspirationen? Ich beobachte die Menschen und Orte, achte auf kleine Details, aber am allermeisten inspiriert mich jeweils die Musik... Musik war allgegenwärtig in meinem Elternhaus. Als Kind spielte mir mein Vater jeden Abend verschiedene Lieder vor und fragte jeweils: "Was siehst du? Stell dir etwas vor!". Wenn ich nicht in der Lage war es zu tun, half er mir dabei Bilder zu visualisieren und meine Vorstellungskraft einzusetzen. Das wiederum half mir später Musik zu visualisieren und in Bilder umzusetzen. Auch gab mir diese Fähigkeit in Zeiten in denen ich mich schlecht fühlte halt, und ich entwickelte Mitgefühl für die Leute welche ohne diese grossartige Musik leben und sich oft im Materialismus verlieren, welcher nur kurzfristig befriedigt und schlussendlich ja nicht wirklich glücklich macht.
 
Was war die verrückteste Situation an einem Video-Set die du jemals erlebt hast?
 
Ich denke mal alle Videos die ich mit Donatan gemacht habe waren wirklich herausfordernde Erfahrungen (lacht). Meiner Meinung nach war das originellste "The Storm" (Sztorm) von Cleo und Donatan. Das Video drehten wir fast komplett auf dem Wasser, auf einem Boot, mit dem gesamten Filmteam und schwerem Equipment auf dem See. Schutz suchend vor Gewitter und Regen... das war schon sehr hart, aber immerhin ist das Resultat ziemlich einzigartig geworden (lacht).
 
Von allen Videoclips die du bisher gemacht hast, gibt es ein Lieblings-Clip?
 
Hu, diese Frage lässt sich fast nicht beantworten. Das ist, als ob dich jemand fragt, welches deiner Kinder du am meisten liebst! Was ich sagen kann ist, dass ich die Arbeiten vom mir mag, wo ich kommerzielle Schranken durchbrechen konnte: Alters "Dawn", das bereits erwähnte Video mit Donatan und Cleo "Sztorm", Asia Ash "Jestem jak skała", Taraf de Haidouks "Clejani Love Song" , Bubliczki "Abo mnie zabiją" und Miuosh mit Onar "Nie zamykaj dzisiaj drzwi".
 
Was hörst du privat für Musik?
 
Balkan-Musik, alten Tango und alten Jazz. Konsumer-Lifestile und Mainstream-Musik mag ich nicht besonders. Dank meiner Vorlieben kann ich mich im Gleichgewicht halten und dem Wesentlichen folgen (lacht).
 
Was sind deine Pläne für die Zukunft?
 
Neben den polnischen Projekten, hoffe ich wieder vermehrt mit ausländischen Künstlern und Bands etwas machen zu dürfen. Dann natürlich weiterhin an meinem künstlerischen Stil zu feilen und der Welt meine innersten Gefühle zu offenbaren.
 
Vielen Dank für das Interview und weiterhin alles Gute, Piotr!
 
Ich danke euch!
 
 

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