INTERVIEW MIT DRAGAN RISTIC VON KAL

"Alle Songs sind meine Kinder!"

 
Die serbische Band Kal prägt nun seit beinahe 20 Jahren die internationale Worldmusic-Szene wie kaum eine andere Roma-Band. Dragan Ristic ist der Mann hinter dem Projekt Kal. Er ist nicht nur ein hervorragender Musiker, Komponist und Songschreiber, sondern auch ein echter Roma-Aktivist mit einer dezidierten Haltung und einer differenzierten Sicht auf die Dinge. Anlässlich ihres aktuellen Albums "Romology" führte Gypsy Music Network ein ausführliches und äußerst aufschlussreiches und spannendes Interview mit dem charismatischen Frontmann und Sänger.
 
 
kal 2
 
 
Ok, Dragan. Zuerst mal, wie geht es dir?
 
Mir geht es gut, vielen Dank. Wie du vielleicht weisst wurden wir gerade vom britischen Songline Magazin für das beste Worldmusic Album 2015 in der Kategorie "Best Group" nomminiert, und es läuft nun eine (Voting) Kampagne und ich war in den letzten Tagen damit beschäftigt dieses Voting ein wenig zu promoten. Zudem sind wir gerade am proben und ein Konzertprogramm am vorbereiten, da wir in Kürze wieder einige Auftritte haben werden.
 
Wo spielt ihr?
 
Jetzt im Februar und im März haben wir einige lokale Konzerte hier bei uns in Serbien und im Mai geht’s dann ins Ausland. Da sind wir unter anderem auch bei euch in Deutschland und in der Schweiz.
 
Toll, dann werden wir sicher vorbei kommen!
 
Auf jeden Fall, gerne!
 
Das Album Romology ist ja nun schon eine Weile draußen. Wie waren die Reaktionen der Hörer?
 
Nun ja, wir waren mit dem Album ganz vorn in den Jahrescharts vom Worldmusic-Central Online-Musikportal aus Kanada. Ansonsten, was soll ich dir sagen? Ich denke ich bin nicht ganz der Richtige um diese Frage zu beantworten, denn ich befürchte dass ich nicht wirklich objektiv urteilen kann! Aber ich kann dir sagen in Serbien ist die erste Auflage bereits komplett ausverkauft und der Vertrieb legt das Album gerade nochmals neu auf. Auch in vielen anderen Ländern waren die Verkäufe gut. Ich bin wirklich sehr zufrieden und sehr happy mit dem Album und auch mit den Resonanzen die ich darauf bisher bekam!
 
Was sind die Themen um das sich das Album dreht?
 
Romology ist unser viertes Album und eine natürliche Weiterentwicklung unseres bisherigen Schaffens. Die Suche, auch nach mir selbst, die Menschen um mich herum und ihre Geschichten, Selbsterkenntnis, soziale Themen – alles das sind die Geschichten um die sich das Album dreht. Kal war schon immer eine sozial engangierte Band mit kritischen und reflektierenden Texten, und auch auf diesem Album gibt es wieder solche Geschichten.
 
Auf dem Album befindet sich der Song Gadzo DJ (inkl. Videoauskopplung). Um was geht es in dem Song?
 
Ich erkläre es dir: Gadzo DJ ist eine kleine ironische Reflexion über die momentane Situation von Roma-Musik in Europa und der Welt. Es ist quasi meine Analyse zur aktuellen Lage von Roma Musik in der Musik-Szene. Meiner Meinung nach läuft gerade etwas sehr schief, denn die größten Player der Gypsy- bzw. Roma-Musik sind überhaupt keine Roma. Bands und Musiker wie Goran Bregovic oder Emir Kusturica & The No Smoking Orkestra verwenden Roma-Musik, oder zumindest Elemente davon und vermarkten sie für ihre Zwecke, obwohl sie überhaupt keine Roma sind. Sie schmücken sich mit fremden Federn sozusagen. Der Song Gadzo DJ spielt in ironischer und lustiger Weise mit diesem Thema, obwohl es eigentlich eine sehr ernsthafte Sache ist. Und ich provoziere natürlich auch ganz bewusst mit dem Song und nehme diese Leute ein wenig auf die Schippe. Ein Gadjo bedeutet ja ein "Nicht-Roma" in unserer Sprache. Ich habe den Song geschrieben weil die jetzige Situation gerade leider ein wenig unfair ist: Schlaue "Nicht-Roma" schmücken sich mit unserer Kultur und unseren musikalischen Traditionen und verdienen einen Haufen Geld damit, und die Roma selbst gehen leer aus, denn sie wissen nicht wie sie sich richtig vermarkten sollen.
 
Die aktuelle Situation in der sich die Roma gerade befinden, erinnert mich ein wenig an die 1930er Jahren in Amerika, als weisse Leute die Blues-Musik der Afroamerikaner aufgriffen und damit erfolgreicher wurden als die Schwarzen. Zum Glück hat sich das jedoch im Laufe der Jahzehnte wieder geändert, und in der Zwischenzeit sind die Afroamerikaner die wirklich großen Blues-Musiker. Klar, es gibt Ausnahmen wie Steve Rai Vaughan und andere, jedoch die besten und bekanntesten Blues-Musiker sind Afro-Amerikaner, und diese Entwicklung ist ein Glücksfall und sehr schön. Und ich hoffe das es für unsere Musik irgendwann genauso sein wird.
Wir selbst haben sehr gute Musiker, aber jemand anderes nutzt aktuell das Potential unserer Musik und verdient damit Geld. Bitte versteh mich nicht Falsch. Ich bin weder ein Nationalist, noch missgönne ich irgend jemandem seinen Erfolg, aber die Hörer sollen wissen wer die wirklichen Originatoren einer Musiktradition sind, und diesen Originatoren soll auch der Respekt und Erfolg zustehen.
 
Und darum ist Gadzio DJ ein sehr wichtiger Song.
 
Das was du ansprichst ist etwas was ich auch oft beobachte: Roma sind hervorragende Musiker und besitzen eine reichhaltige Musiktradition und Kultur. Sie sind auch äußerst kreativ im Umgang mit ihrer Musik und mit anderen Strömungen, aber sie wissen nicht wie man sich vermarktet!
 
Ganz genau! Das ist genau was ich meine! Und das hat vielfältige Gründe. Man muss die Mechanissmen der Musikinustrie verstehen und zu nutzen wissen um als Musiker erfolgreich zu sein, gerade in der heutigen Zeit mit all den technischen Möglichkeiten und den Anforderungen die diese Möglichkeiten an die Künstler stellen. Den Roma-Musikern fehlt es leider oft an Bildung und dem richtigen Wissen sich selbst zu und ihre Kultur zu promoten und im Musik-Business richtig zu positionieren.
 

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