INTERVIEW MIT DRAGAN RISTIC VON KAL TEIL 2

 
Im ersten Teil des Interviews mit Gypsy Music Network hat Dragan Ristic ausführlich seine Sicht auf die aktuelle Worldmusic-Szene erläutert. Lese nun im zweiten Teil was der Mann hinter Kal noch alles zu sagen hat.
 
 
kal 3
 
 
 
Danke für deine Erläuterungen. Hast du einen Lieblings-Song auf deinem Album? Bzw. gibt es einen Lieblings-Song von allen Kal Songs die du jemals geschrieben hast?
 
Ob ich einen Lieblings Kal-Song habe? Alle Songs sind meine Kinder! Wie könnte ich eines davon lieber haben als das andere? (lacht)... aber fragen wir mal umgekehrt, welche Songs von Kal magst du am meisten?
 
Gadzio DJ fand ich cool. Oder auch die älteren Songs wie Ding Deng Dong oder Dvojka.
 
Schön. Interessant, denn zwei von diesen drei Songs haben einer starke Aussage und sind eigentlich sozialkritische Songs. In allen drei Songs verarbeite ich Gefühle und Situationen die ich in erlebt habe. Ding Deng Dong ist ein sehr ernsthafter Song. Er hat wohl eine catchy Hook und man könnte meinen er sei ein Party-Song, aber tatsächlich dreht er sich um ein ernsthaftes Thema. Verstehst du den Text?
 
Nein, leider nicht.
 
Ok, ich erklärs dir: Ding Deng Dong dreht sich um einen Jungen der im Nirgendwo von Serbien lebt und einen Onkel hat welcher in Wien lebt und den er sehr bewundert und verehrt. Der Grund warum er ihn so sehr bewundert ist: dieser Onkel kommt jeden Sommer von Österreich wo er lebt und arbeitet in sein kleines Heimatdorf nach Serbien in den Urlaub. Dort präsentiert er dann seinen ganzen vermeintlichen Reichtum vor seiner Verwandtschaft: tolles Auto, teure Kleider, Geld etc. Dieser Kleine Junge träumt nun davon auch so zu werden wie sein Onkel wenn er älter ist. Er träumt davon, eines Tages nach Österreich auszuwandern und reich zu werden. Nun brauchte man aber als serbischer Staatsbürger bis vor einigen Jahren noch ein Visa um nach Westeuropa reisen zu können. Und der Junge träumt davon, dass ihm sein Onkel ein solches Visa besorgen würde und er in Österreich so reich werden könne wie sein Onkel. Irgendwann erkennt der Junge, dass sein Onkel ihm nicht helfen wird ein Visa zu bekommen, und er entschliesst sich auf eigene Faust und ohne Visum nach Wien zu reisen. Er kommt ohne nichts in Wien an und versucht seinen Onkel ausfindig zu machen. Da er ihn über das Telefon nicht erreichen und auch sonst nicht ausfindig machen kann, landet er auf der Strasse wo von da an schläft und lebt. Tag für Tag verucht er seinen Onkel zu finden. Er gibt nicht auf und nach einiger Zeit stosst er in einem Telefonbuch auf die Adresse seines Onkel und macht sich sofort auf den Weg zu dessen Wohnung. Dort angekommen klingelt er an der Tür "Ding Deng Dong". Der Onkel sieht ihn durch den Türspion und erkennt seinen kleinen Neffen, aber er öffnet ihm die Türe nicht. Warum? Weil er in Wirklichkeit gar nicht die Möglichkeit hat seinem kleinem Neffen zu helfen, da er mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat. Im Urlaub in seinem Dorf kann er zwar so tun als ob er ein reicher Mann wäre, aber in Wirklichkeit ist alles nur Show und er ist auch im vermeintlich reichen Ausland ein armer Schlucker. Er öffnet die Tür nicht und lässt seinen Neffen im Stich...
 
Und "Dvojka" ist ein Liebes-Song. In diesem Song geht es ganz einfach um Liebe und sonst nichts anderes. Dvojka ist ein 2/4-Rhythmus der bei uns so genannt wird. In dem Lied geht es um einen jungen Kerl der sich in ein Mädchen aus seinem Dorf verliebt und mit ihr gehen möchte. Aber ihr Grossvater lässt dies nicht zu und jedes Mal wenn der Junge sich dem Mädchen nähern möchte, schägt der Grossvater mit seinem Gehtock nach ihm. Das ist die Story hinter dem Song.
 
Wie steht es eigentlich mit eurer Bekanntheit in Serbien? Viele der Bekannten Ethno-/World-/Romamusik-Acts sind ja oftmals im Ausland bekannter als in ihrer Heimat. Wie ist das bei Kal?
 
Ich weiss das viele Bands aus Ost- und Südosteuropa mit diesem Problem konfrontiert sind, aber ich denke auf Kal trifft das nicht ganz zu. Wir sind bereits ziemlich gut etabliert in Serbien, man kennt uns. Wir sind vielleicht keine Mega-Stars und spielen auch noch nicht in der obersten Mainstream-Liga mit, aber wir sind auf einem sehr guten Wege. Viele Leute in Serbien wissen wer wir sind und unsere Bekanntheit wächst ständig.
 
Wie sieht die aktuelle Situation für die Roma in Serbien aus? Gibt es eine Entwicklung in den vergangenen Jahren?
 
Die Lage der Roma in Serbien unterscheidet sich nicht mit der Lage der Roma in anderen Ländern wie zum Beispiel, Rumänien, Ungarn, Mazedonien oder Techien ect. Die Roma haben überall mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Wir sind in allen Ländern nationale Minerheiten und müssen für unsere Rechte kämpfen. Unsere Rechte sind leider immer noch nicht die gleichen wie für die jeweilige Mehrheitsbevölkerung. Einer der Gründe warum das so ist, hat damit zu tun dass wir Niemand haben der uns vertritt und sich für uns einsetzt. Da wir kein eigenes Land besitzen, fühlt sich auch niemand wirklich für uns und unsere Rechte verantwortlich und wir müssen vor allen Gremien und Institutionen ständig kämpfen damit wir wahrgenommen werden. Klar es gibt einige erfreuliche Entwicklungen, auch in Serbien. Zum Beispel ist Serbien seit kurzem Beitritskandidat für die EU und das wird auch sicher den Roma im Land zugute kommen. Aber der Weg ist immer noch voller Hindernisse und wir sind noch lange nicht an einem Ziel.
 
Was ist die Arbeit des Romani-Cultur-Center dem du vorstehst?
 
Das Romani-Culrtur-Center ist eine Nichtregierungs-Organisation die vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv ist. Wir organisieren Kampagnen und versuchen die Roma-Kultur, speziell die neue, junge Roma-Kultur der Öffentlichkeit näher zu bringen und so die herschenden Vorurteile zu bekämpfen. Wir lancieren regelmässig Medienkampagnen, zuletzt eine mit dem Namen "Do You Know Who I Am? " welche auf eine breite Resonanz in Serbien stiess. Im Internet hatten wir bereits über 20 Millionen Views. Gerade arbeiten wir an einer weiteren Kampagne mit dem Titel "Yes, Thats Me" welche zum Ziel hat die Gräben zwischen Roma und Nicht-Roma zu überbrücken und die Menschen einander näher zu bringen. Die Kampagne ist in mehrere Aktivitäten gegliedert: 1. eine Foto-Austellung zum Thema berühmte Roma in der Welt. 2. ein Workshop mit einer Diskussionsrunde zum Einfluss von Roma auf das serbische Kino. Und 3. veranstalten wir im Zuge der Kampagne verschiedene Konzerte mit jungen Roma Musikern.
 
Was steht mit Kal als nächstes an?
 
Kal ist eng mit den gerade beschriebenen Kampagnen verbunden und wir werden in den nächsten Monaten sehr viel in den serbischen Medien vertreten sein. Wir haben eine Menge Interviews gegeben und es werden verschiedene Portraits und Bereichte in Print-, Online- und TV-Medien erscheinen. Auch arbeiten wir daran mit unserem Konzert-Projekt in den kommenden zwei Jahren 15 Städte in der Balkanregion zu besuchen. Du siehst es läuft eine ganze Menge...
 
Möchtes du abschliessend noch etwas den Leuten mitteilen?
 
Klar. Ich möchte allen Lesern von Gypsy Music Network für ihren Support danken. Denkt immer daran, Multi-Kulturalität ist unser grösster Reichtum. Der beste Weg um Jemanden kennen zu lernen ist ihm zu begegnen und gegenüber Fremden stehts offen zu sein, und dann wird sich unsere Welt auch zum besseren wandeln!
 
Danke für dieses schöne Schlusswort und weiterhin alles Gute mit Kal!
 
 
Interview: Robert Lippuner / Gypsy Music Network
 

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